Die Talfahrt an den Börsen geht weiter – Was sind die Ursachen? Gibt es überhaupt welche?

Heute büßte auch der breit gestreute S&P 500 Index seine bisherigen Jahresgewinne von 2014 ein, und der Angst-Indikator VIX (der Volatilitätsindex des S&P 500) erreichte seinen höchsten Stand seit fast 3 Jahren.

Damit ist der S&P 500 jetzt 9% von seinem bisherigen Höchststand entfernt. Das klingt zwar nicht weiter tragisch, aber die Dynamik mit der diese Talfahrt von statten ging kann sich sehen lassen. Immerhin ist seit diesem Höchstand nicht einmal ein Monat vergangen (18.9.2014) und die richtige Talfahrt hat erst in den letzten 10 Tagen eingesetzt.

S&P 500 von Oktober 2013 - Oktober 2014
S&P 500 von Oktober 2013 – Oktober 2014
VIX von Oktober 2013 - Oktober 2014
VIX von Oktober 2013 – Oktober 2014

In den beiden Charts sieht man das bildlich: Der Fall des Marktes im oberen Chart (S&P 500) und der gleichzeitige Anstieg der Angst im unteren Chart (VIX).

Was sind die Ursachen für die plötzliche Stimmungswandlung im Markt?

Die seriöseste Antwort darauf ist wohl: Niemand kann das genau wissen. Ängste verbreiten sich genauso wie Euphorien einfach unkontrolliert und unvorhersehbar.

Da die Menschen aber dazu neigen für alles eine Ursache zu suchen, und Finanzmedien (wie auch der Financeblog) schließlich Themen bringen möchten die für die Leserschaft interessant sind, gibt es zahlreiche Begründungen für die derzeitige Korrektur:

So liest man von Rezessionsängsten, revidierten Wachstumsprognosen, etc.
Sobald irgendwelche Wirtschaftsdaten veröffentlicht werden begründen die Medien sofort die Kursentwicklung an den Börsen mit eben diesen Wirtschaftsdaten (egal in welche Richtung die Börse darauf reagiert, irgendeine Begründung passt immer)

Die für meinen Geschmack am weitesten hergeholte Begründung für die derzeit sinkenden Kurse ist die Angst vor einer Ebola-Epidemie (heute auf Bloomberg gelesen). Quintessenz des Artikels: Airline-Aktien haben bereits über 10% verloren und die Auswirkungen auf den globalen Markt seinen zu spüren, da niemand weiß welche Auswirkungen die derzeitige Ebola-Epidemie auf die Weltwirtschaft hat. Natürlich ist Ebola eine schreckliche und tödliche Krankheit, aber außerhalb von Westafrika wurden bisher weniger als 10 Menschen infiziert die alle in der Pflege der Infizierten in Westafrika tätig waren. Es ist eine furchtbare Krankheit und ich hoffe für die Betroffenen, daß die Epidemie bald überstanden ist, aber ich denke nicht, daß Ebola ein weltweites Problem wird.
Ängste vor Epidemien haben die Börsen allerdings bereits in der Vergangenheit öfters beeinflusst. Stichwort SARS und Vogelgrippe.

Die Wahrheit ist:  Diese derzeitige Korrektur ist einfach Marktdynamik und niemand kann sagen, warum sie gerade jetzt stattfindet und wie weit sie noch gehen wird. Genauso wenig wie man Euphorien (Blasenbildung) vorhersehen kann und sagen kann wann die Blase platzen wird.

Das einzige was man jetzt machen kann ist die Fakten zu betrachten:

1) (Schon oft hier erwähnt) Gute Unternehmen werden nicht plötzlich aufgrund von einem Kursverfall zu schlechten Unternehmen. Wenn sich am Unternehmen grundsätzlich nichts geändert hat ist der Kursverlauf egal.

2) Welche Alternative gibt es derzeit zu Aktien? Deutsche Staatsanleihen mit 10(!!) Jahren Laufzeit bringen stand heute eine Rendite von 0,74%. Jegliche “sichere” Veranlagung bringt heute weniger als 1% p.a.
Auch andere Veranlagungsformen wie z.B. Rohstoffe und Edelmetalle hatten in den letzten Jahren eine erhebliche Volatiltität. Sie sind also ebenso riskant wie eine Veranlagung in Aktien und bringen nicht einmal Ausschüttungen.

3) Gute, starke Unternehmen mit nachhaltigem Geschäftsmodell gibt es mit Dividendenrenditen von 3%-4%, und zwar solche die die Dividende in den letzen Jahrzehnten jährlich steigern konnten wie z.B. Procter & Gamble (Dividendenrendite 3,1%, Steigerung über die letzten 5 Jahre 8% p.a.

4) Was hat sich tatsächlich im letzten Monat geändert? Einzig die Angst vor einer Deflation ist weltweit größer geworden (zu sehen an den sinkenden Anleihenrenditen). Wenn sich jemand auf 10 Jahre mit 0,74% p.a. zufrieden gibt, dann glaubt er keinesfalls an Inflation sondern geht eher davon aus, daß sein Geld in 10 Jahren mehr wert sein wird als heute.
Das werden die Notenbanken allerdings garantiert zu verhindern wissen.
Im Vergleich zum letzten Crash 2008 haben sich jedenfalls im letzten Monat keinerlei bahnbrechende Dinge ereignet. (wir erinnern uns damals an die Lehman-Pleite, den Fall von AIG, Fannie Mae, Freddie Mac etc. und an das Platzen der Immobilien-Blase in den USA)
Nichts dergleichen ist im letzten Monat passiert. Nur ein paar Wirtschaftsdaten die nicht ganz den Erwartungen entsprochen haben.

Meiner Ansicht nach sprechen also die Fakten dafür, daß es sich derzeit um eine Panikreaktion handelt, also wirklich nur um eine Korrektur und nicht um einen Crash. Bisher sind die Kurse “nur” 9% vom Höchststand entfernt. Von einem Bärenmarkt spricht man erst ab 20%.

Wie könnte es weiter gehen?

Wie weit es noch nach unten geht kann – wie gesagt – niemand sagen. Wie gesagt: Bisher ist es noch nicht schlimm und eine Hysterie kann auch schnell ein Ende finden. Vielleicht bekommen wir sogar eine schöne Jahres-End-Rally, vielleicht geht es aber in einen richtigen Bärenmarkt über.

Ein prinzipielles Problem bei Bärenmärkten (stark sinkende Kurse) ist, daß dadurch ein Teufelskreis entstehen kann.
Einerseits haben viele Leute (besonders in den USA) viel Geld in Aktien angelegt. Steigen die Kurse, werden die Menschen konsumfreudiger, da das Vermögen am Depotauszug größer wirkt. Sinken die Kurse, ist das Gegenteil der Fall.
Andererseits sind viele Unternehmen darauf angewiesen sich an der Börse neues Kapital zu beschaffen. Bei schlechter Stimmung wird das schwieriger, und Investitionen müssen ausbleiben, was natürlich auch Arbeitsplätze kostet.

sinkende Kurse -> weniger Konsum -> weniger Investitionen -> mehr Arbeitslosigkeit -> schlechtere Wirtschaftsdaten -> sinkende Kurse -> etc. etc.

Diesen Teufelskreis kann fast nur der Staat oder die jeweilige Notenbank durchbrechen. Es müssen Anreize für Investitionen geschaffen werden. Finanzierungen müssen einfacher werden. (In Europa ist hier Basel3 ein fundamentales Problem – denn niedrige Leitzinsen bringen gar nichts, wenn man als Unternehmen keine Chance hat einen Kredit zu bekommen weil man nicht den Basel3-Kriterien entspricht. Auch ich hätte einst mein Internet-Unternehmen INODE sicher nicht groß machen können, wenn es damals bereits die Basel3-Richtlinien gegeben hätte. Immerhin 300 Arbeitsplätze hatten wir damals geschaffen…

Bei richtiger Reaktion des Staates bzw. der Notenbanken kann dieser Teufelskreis wieder umgedreht werden:

mehr Investitionen -> mehr Arbeitsplätze -> bessere Wirtschaftsdaten -> steigende Kurse -> mehr Konsum -> mehr Investitionen -> etc. etc.

Ich traue es leider den USA eher zu hier zu agieren als Europa. Und wie bereits seit 2008 bewiesen: Die USA war zwar Verursacher der damaligen Krise, hat sich aber bereits lange vor Europa davon erholt…

Wie kann man sich jetzt am besten verhalten?

Die derzeitige Korrektur bietet gute Kaufgelegenheiten für solide Unternehmen.  Gute Firmen, die eine solide Dividendengeschichte aufweisen können und ein stabiles und nachhaltiges Geschäftsmodell haben, welches nicht zu anfällig auf Schwankungen in der Wirtschaftsentwicklung ist.
Hierzu zählt ganz besonders der Verbrauchsgüter-Bereich (Consumer Staples), aber auch in anderen Sparten gibt es gute und ertragstarke Unternehmen die bereits in der Krise 2008 bewiesen haben, daß sie dennoch ihre Gewinne steigern und ihre Dividenden erhöhen konnten.
Diese sollte man jetzt anfangen zu kaufen.
Man wird NICHT den tiefsten Kurs erwischen – es kann also auch nach dem Kauf noch ordentlich abwärts gehen. Wichtig ist also an das Unternehmen zu glauben, und sich an der Dividende zu erfreuen, egal wo der Kurs hingeht.

Zum Abschluss noch ein Beispiel wie gefährlich die vermeintlich “sichere” Anlage in 10 jährige deutsche Staatsanleihen sein kann:
Beispiel: Derzeit ist der Kurs einer 0,74%igen deutschen Anleihe mit 10 Jahre Laufzeit bei 100.
Wenn nun der Zinssatz sich um nur 1% erhöht, sodass die Anleihe 1,74% zahlen müsste, so sinkt der Kurs um fast 10% (exakt um 9,6%)
Wenn z.B. die EZB ihr Ziel erreicht – eine jährliche Inflation von 2% – dann würden wahrscheinlich automatisch die Anleiherenditen auf über 2% steigen was Kursverluste von über 10% auf 10 jährige Anleihen bedeutet. Risikolos ist für mich etwas anderes..

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